Leiterschaft
Angesichts aktueller Leiterschafts- und Aposteldiskussionen: hier mal eine Beschreibung und ein Erklärungsversuch des Phänomens der immer stärkeren Trennung zwischen Leitern und Gemeinde - aus teilweise trauriger Erfahrung beider Perspektiven: sowohl der des unverstandenen “Geleiteten” als auch der des Leiters, der alles gibt, und verzweifelt, weil er meint, dass er der einzige ist, der “durchzieht” mit Jesus.
Ich beschreib´das Phänomen mal hier: Da ist ein Leiter, der alles für Jesus und die Gemeinde geben will und gibt. Der meint irgendwann zu merken (was oft ja auch stimmen kann!), dass seine Gemeinde nicht Jesus-hingegeben lebt. Was ist seine Aufgabe als Leiter? Er muss Vorbild sein, er ist der Hirte, der ermahnt, zurechtweist, usw. Was macht er also?
Er wird versuchen, seine Gemeinde hin zu Jesus zu führen. Er nimmt die Gemeinde ins Schlepptau. Er fühlt sich als Fahrer eines Busses, der den Bus (also die Gemeinde) steuern muss, damit der am Ende auch im Himmel ankommt. Und hier beginnt dann der Teufelskreis voll zu wirken:Die meisten Gemeindemitglieder werden ihm folgen - und dabei UNSELBSTSTÄNDIG!!! Der Leiter wundert sich dann, dass die sowieso schon vorhandene “Konsum”-Mentalität in seiner Gemeinde ZUNIMMT! Alles scheint von ihm abzuhängen. Niemand kümmert sich mehr um irgendwas (im Extremfall
). Deswegen übernimmt er noch mehr Verantwortung und Entscheidungskompetenzen, bevormundet seine Gemeindemitglieder noch mehr - und wundert sich über die ständig wachsende Teilnahmslosigkeit oder aber die ständig wachsende Kritik. Dabei war das von vornherein so angelegt in dieser Leiter-Gemeinde-Beziehung.
Der Leiter sieht seine Verantwortung vor Gott und “nimmt immer stärker die Zügel in die Hand” (meist sogar aus Angst, dass, wenn er das nicht macht, die Gemeinde vor die Hunde geht!) und wundert sich nachher, wenn die einzelnen Gemeindemitglieder keine eigene lebendige Beziehung zu Jesus mehr haben, wenn deswegen alle Gemeindemitglieder völlig abhängig an ihrem Leiter hängen. Oder darüber, dass einzelne das nicht mehr mitmachen wollen. Er versteht dann ihre Kritik als böswillig oder sogar als Irrlehre - weil er das Vertrauen in die geistliche Erkenntnis seiner Gemeinde längst verloren hat. Im besten Fall ist er aus Zeitgründen einfach damit überfordert (kein Wunder!, bei den massigen Verpflichtungen, die auf ihn warten!) und blockt die Kritik ab.
Je unselbständiger die Gemeinde, desto mehr muss der Leiter selber machen, desto mehr Befugnisse braucht er auch - die Abwärts-Spirale dreht sich immer schneller…
Der Leiter verzweifelt dann vielleicht sogar, weil er sich einer immer schneller wachsenden Verantwortung gegenübergestellt sieht. Er fühlt sich irgendwann völlig alleine - und brennt entweder aus und schmeißt den Job, oder wird rigoroser, blockt Kritik ab, u.U., bis die Gemeinde tot ist. So, soviel zum beobachteten Ist-Zustand in vielen Gemeinden…
Ich hoffe, es ist eines deutlich geworden: Leiter sind keine fiesen Machtmenschen, die bevormunden wollen, im Gegenteil, sie geben sich (fast) immer Jesus gern und ganz hin und geben sich völlig auf für die Gemeinde, brennen aber aufgrund eines unbiblischen Leiterschaftsverständnisses aus. Die Gemeinde ist daran aber oftmals genauso Schuld: Konsummentalität treibt Leiter geradezu in eine solche beschissene Rolle.
Die Frage ist: Wie kann Gemeinde Jesu, auch Jesus-Freaks, blühen, wie kann die Liebe Gottes ungehindert durch uns fließen, dass alle Menschen es sehen können? Wie vermeiden wir reine “Arbeits”- d.h. entfremdete, sinnleere Beziehungen? Ich will, dass alle erkennen, dass wir Jesu Jünger sind, weil wir Liebe untereinander haben!!! Und da ist der Knackpunkt.
Wie sieht eigentlich ein biblisches Leiterschaftsverständnis aus? Ich leite das mal her…
1. Was ist die Grundlage unseres Glaubens?
Na klar, Gottes Liebe, die Jesus ans Kreuz brachte, wo er für uns starb. Also die Liebe Gottes. Wie äußert sich diese Liebe? Sie verschenkt sich, sucht das Wohl des anderen, achtet den anderen höher als sich selber (vgl. 1. Kor. 13 u.v.m.). Kurz: Sie gibt sich hin, kontrolliert also den anderen nicht, auch nicht aus Angst oder falsch verstandener Verantwortung heraus.
Jesus sagt selber:
“42 Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.” (Markus 10, 42-45)
Der Kern dieser Bibelstelle wird oft völlig falsch gedeutet. Ich höre oft, dass das hiesse, dass Leiter für die Gemeinde da seien. Richtig. Es steckt aber etwas viel Radikaleres drin! Was kennzeichnet einen Diener, einen Knecht? Er EMPFÄNGT BEFEHLE von seiner Umgebung. Er kontrolliert sie aber ganz sicher nicht - auch nicht aus falsch verstandener Liebe! DAS ist das Wesen eines Dieners!!!
Von wem empfängt er die Befehle? Jesus sagt es selber: “…der soll EUER Diener sein;…” Er empfängt die Befehle von allen anderen. Was lernen wir daraus? Offensichtlich ist es in Gottes Reich so, dass jeder für jeden da ist. Stellen wir uns das mal vor:
Niemand bevormundet niemanden, JEDER nimmt die Meinung des anderen mindestens genauso ernst wie seine eigene. Alle dienen sich gegenseitig… Wisst Ihr, was das ist? Das Paradies!!! Eine Welt, in der Gottes Liebe jede und jeden frei macht und uns vollständig von Angst- und Kontrollmechanismen befreit. GANZ. VOLLSTÄNDIG. Eine Art göttlicher Liebes-”Kommunismus” und auch Liebes-”Anarchismus” (tut mir leid, ich wollt eigentlich diese Reizwörter vermeiden, seid mir nicht bös
). Funktioniert nur in einer Welt, wo die Liebe Gottes und der Glaube an ihn voll wirken kann, nur dann, wenn niemand mehr dem anderen mißtraut.
2. Moment mal. Ist Gott nicht auch ein Herrscher? Und hat er nicht Leiter eingesetzt?
Sehr richtig
Gott ist auch Herrscher und er hat auch häufig Leiter eingesetzt. Ist das ein Widerspruch? Nein! Wenn Gott uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat (vgl. 1. Mose 1, 26-27), dann will er, dass wir frei sind, genau wie er selber frei ist. Frei sein heisst, frei von Befehlen, Beeinflussung, Manipulation, Zwang, frei von allen Formen von Herrschaft also. Weil wir alle aber durch Sünde von Gott getrennt sind bzw. waren und daher dazu neigen, aus Angst (wegen unserer Trennung von seiner Liebe!) alles unter Kontrolle halten zu wollen, zu beherrschen und damit automatisch zu zerstören, handelt Gott seinerseits als Herrschender, der die Herrschaft der Menschen einschränkt - sein Gebot der Liebe gegen das Gesetz der Sünde. Liebe eben, die zur Not auch mit Gewalt eingreift.
3. Und was heisst das für einen Leiter im biblischen Sinne?
Sehr viel sogar! Wenn wir begriffen haben, dass Gott sich nach Menschen sehnt, die ihn aus freien Stücken lieben, sich ihm hingeben, und denen er sich ebenso rücksichtslos hingeben und schenken kann, wird das uns als Leiter stark prägen.
Wir Leiter sind diejenigen, die Menschen, die kein Licht sehen, in Gottes Licht hinein führen dürfen - und sie dann loslassen dürfen - Gottes Obhut übergeben dürfen!!! Sonst versperren wir ihnen den Blick auf Gott - und wundern uns, dass sie geistlich nicht erwachsen werden, keine eigenen Erfahrungen mit Gott machen können - und an uns hängen bleiben. Wir sind Geburtshelfer und später Mama und Papa und freuen uns, wenn unsere Kinder, unsere Gemeinde, uns NICHT mehr als Mama und Papa, als Leiter braucht! Deswegen werden wir uns auch nicht dagegen wehren, wenn zunehmend Verantwortung und Kontrolle von uns an alle anderen Gemeindemitglieder übergeht. Das ist unsere geistliche Bestimmung.
Wenn Gott uns als Leitern Autorität gegeben hat, dann doch nur dafür, dass wir Menschen, die andere klein machen und bevormunden, stoppen. Unsere göttliche Autorität ist doch gerade dafür da, zu verhindern, dass Hierarchien entstehen! Wir sollen den vermeintlich Schwachen groß machen und ermutigen und den Starken (und uns genauso!) dazu bringen, Kontrolle abzugeben und die anderen freizulassen, zu schweigen und dienen zu lernen!
Ich stell mir das immer so vor, dass Leiter diejenigen sind, die mit Gottes Autorität Menschen in die Schranken weisen, die andere zerstören! Wenn man so will, als “Wächter der Demokratie bzw. Theokratie” dafür sorgen, dass alle gemeinsam in Einheit mit Gott und miteinander Beschlüsse fällen können. Schließlich lehrt Jesus selber, dass ausgerechnet bei “Gemeindezucht” (dem heftigsten Ding, womit Leiter sich so rumquälen!) die gesamte Gemeinde auf den Irrlehrer/Sünder einwirken soll, und erst, wenn er AUF DIE GANZE GEMEINDE nicht hören will, soll er gehen! Direkte Demokratie!!! Der Irrlehrer wird nicht von den Leitern rausbefördert!!! (vgl. Matth. 18, 15-20)
Ich glaube, wenn wir lernen, Kontrolle an Gott abzugeben, Seine Gemeinde Ihm zu geben, unsere Verantwortung für die Gemeinde ihm abzugeben, dann sind wir die besten Leiter auf der ganzen Welt!
Ich bin mir sicher, dass Gott dieses tiefe Vertrauen in Ihn belohnen wird! Mit Gemeindemitgliedern, die plötzlich ungeahnte Energien entwickeln, mit Menschen, die Gott folgen. Er wird uns auch bereit für Korrektur durch andere machen - und plötzlich haben wir unser Gegenüber wiedergefunden - unsere Geschwister, von denen wir uns so lange im Stich gelassen gefühlt haben!!! Wir als Leiter sind dann nicht mehr Busfahrer - alle gemeinsam fahren Gott entgegen
)) Alle sind in der Lage zu fahren, zu fliegen, Gott entgegen zu fliegen - sie sind erwachsen!
Keine Angst, wenn wir nahe an Seinem Ohr sind, wird er uns sagen, wie wir handeln sollen bei Problemen - auch ohne in unsere Gemeinde eingebaute Kontrollmöglichkeiten.
Danke für Eure Geduld!
Ich wünsch mir, dass wir als Jesus-Freaks und Christen gemeinsam Gott entgegen wachsen - zueinander und zu ihm hin. Dann wird die Welt erkennen, dass wir Seine Jünger sind…
Am 11. September 2006 um 00:16 Uhr
Hört sich interessant an. Ich denke darüber nach. Danke dafür dass du dein Bild von Leiterschaft und GEmeinde so verständlich darstellst.