“Gott ist tot!” und die geistliche Heimatlosigkeit des modernen Menschen
Nietzsches “Gott ist tot!” als Ausdruck einer verzweifelten Suche nach Gott?
In dem Aphorismus “Der tolle Mensch” veranschaulicht Nietzsche die Ursache der geistlichen Heimatlosigkeit der Menschen: die Trennung der Vernunft von ihrem Glaubensfundament, mit anderen Worten: die Tötung Gottes in einer Aufklärung, die den Glauben an einen letzten Erklärungsgrund per se ablehnt.
“Der tolle Mensch” veranschaulicht die Konsequenzen dieser Tötung Gottes durch die Menschen. Er, der schon am Vormittag eine Laterne anzündet, weil er die Nacht schon ahnt, in der sich die menschliche Zivilisation nach dem Tode Gottes wiederfindet, spricht:
„Wie haben wir das gemacht (Gott getötet A.R.)? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzten wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – Auch Götter verwesen! Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?…“
Nietzsche hat in der Epoche der Aufklärung als einer der ersten geahnt, dass es nicht in Emanzipation und Freiheit führt, wenn die Menschen versuchen, die Basis ihrer Vernunft selbst zu zerstören, nämlich den Glauben an eine Realität, die uns die Werkzeuge und Kategorien unseres Denkens erst ermöglicht.
Wenn alles Gute und Vernünftige nicht mehr auf einen Gott zurückzuführen ist, dann muss es etwas Zufälliges, etwas aus Materie Entstandenes sein. Die Konsequenz ist, wie in der Darwinschen Evolutionstheorie, dass der Mensch ein durch natürliche Selektion entstandenes Wesen, ein Wolf unter Wölfen ist. Die menschliche Entwicklung folgt diesem sozialdarwinistichen Schema: d.h. nur das ist entwicklungs- und evolutionsbiologisch sinnvoll, was zur Durchsetzung der menschlichen Art in Konkurrenz zu allen anderen Arten beiträgt. Der sog. freie Wille ist in Wirklichkeit nicht mehr als ein Spielball undurchschaubarer (Über-)Lebensimpulse. Das Denken ist nicht mehr Instanz der Wahrheitsfindung, sondern folgt einzig einem Überlebenstrieb.
Die Kritische Theorie der Frankfurther Schule hat u.a.. in der „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer, Adorno) auf die Folgen einer absolute Negation des Glaubens durch die Aufklärung hingewiesen. Vernunft, die nach Befreiung sucht, indem sie auch den letzten rational nicht beherrschbaren Grund der Erkenntnis elimiert, ist demnach nichts anderes, als eine andere Art der Herrschaft.
Umgekehrt führt Glaube, der aus Angst vor dem Verlust der eigenen Wahrheit, also Glaube, der meint, eine Wahrheit BESITZEN zu können, die man ihm durch Zweifel, Hinterfragen, Aufklärung stehlen kann, zu nichts anderem, als Barbarei, Unterdrückung und Tot.
… soviel mal laut gedacht…klingt zwar sehr theoretisch, aber hat weitgehende Konsequenzen für das, wie wir Glauben leben…ob defensiv und dogmatisch oder ob wir Gedanken leben, die wirklich Salz und Licht in der Welt - wirklich neue Gedanken sind.