…jetzt schauen wir in einen Spiegel

Jetzt schauen wir in einen Spiegel
Und sehen nur rätselhafte Umrisse,

Jetzt erkennen wir, wie Niklas Luhmann es ausdrückt, auf selbstreferentielle Art und Weise. Wir erkennen nur das, was der inneren Strukturiertheit unseres psychischen Systems (unseres Teiles vom Puzzle) entspricht. Wir sehen nur das, was zu unseren Erkenntniskategorien passt… halten eigentlich Nabelschau. Wir sind gefangen in dem, was Kant die praktische Vernunft nannte…die Vernunft, die uns im täglichen Leben hilft, die Wirklichkeit zu ordnen und irgendwie zu handeln.
Wir sind abgeschnitten von Erkenntnisgewinnung als Prozess einer Beziehung (als intersubjektiven Prozess)…zu Gott und zu unseren Mitmenschen. Im Gegenteil: wir betreiben Erkenntnis als Abgrenzung und zerstören permanent selbst individuell und gesamtgesellschaftlich die Möglichkeit der Solidarität und Liebe als Grundlage jeder Wahrheitssuche.

dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.

Karl Jaspers hat mal gesagt: „Die Wahrheit beginnt zu zweit.“ Die Wahrheit beginnt, indem wir in Gottes Augen und Gottes Herz schauen dürfen - wir sehen „von Angesicht zu Angesicht“. Gott heilt uns von der Urangst des Menschen, von dem Mißtrauen, dass uns dahin treibt, Erkenntnis als Gegensatz zur Liebe, nämlich in Konkurrenz gegeneinander, gegen die Natur und gegen Gott zu suchen.

Die Erkenntnis eines Gegenübers, das selbst auch ein erkennendes Subjekt ist, setzt jedoch eine herrschaftsfreie Beziehung zwischen diesen sich gegenseitig erkennenden Subjekten voraus. Demnach: wenn jemand in seinem Denken die Möglichkeit eines liebenden Gottes im wahrhaft aufgeklärten Sinn miteinschließen will, dann wird er (sie) ihn nicht objektivierend und beherrschend aus der eingeschränkten Perspektive seiner Erkenntnisskategorien erkennen. Vielmehr muss er/sie bereit sein, auch die Filter und Kategorien seiner Wahrnehmung dem zu Erkennenden (Gott) anzupassen. Für den Fall, dass Gott nicht tot wäre, würde das sogar bedeuten, sich auf einen Dialog mit diesem lebendigen Gott einzulassen.

Im „schauen von Angesicht zu Angesicht“ erkennt Gott uns und läßt sich von uns erkennen. Gott läßt sich von uns erkennen, indem er sich auf unsere Erkenntniskategorien einläßt. Er will von uns erkannt werden, weil er uns als Gegenüber für sich selbst geschaffen hat - als von ihm unanbhängige Individuen mit einem freien Willen. Gott macht sich für uns erkennbar, indem er uns einen „herrschaftsfreien Diskurs“(Habermas) mit sich selbst anbietet.

13 Reaktionen zu “…jetzt schauen wir in einen Spiegel”

  1. "Sir" Thomas

    Der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas behauptet das uneinholbare Andere, das nicht auf Erkenntniskategorien Festlegbar ist. Denn durch eine solche Festlegung wäre die “Andersheit” des anderen aufgehoben, da es begriffen und damit beschränkt wird auf eine Totalität des Denkens. Auch der Name Gottes ist nicht festlegbar: JHWH ist unaussprechlich. Aber Gott stellt sich uns als Liebe vor, nicht als Erkenntnis und auch nicht als Fortschritt. “Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetischens Reden … Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnuing, Liebe, diese drei; doch am größten unterihnen ist die Liebe.” (1Kor 13,9.13)

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