Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
Stückwerk unser prophetisches Reden;
Wenn aber das Vollendete kommt,
vergeht alles Stückwerk. (…)
Jetzt schauen wir in einen Spiegel
Und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch erkennen,
so wie ich auch
durch und durch erkannt worden bin.
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
Doch am größten unter ihnen ist die Liebe.
(1. Kor.13,9-13)
Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
Stückwerk unser prophetisches Reden;
Unsere Erkenntnis ist wie ein Puzzle, bei dem durch den Sündenfall die Teile durcheinandergekommen sind. Warum? Wollten Eva und Adam, als sie die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen, nicht gerade selbst (unabhängig von Gott) in der Lage sein, das Puzzle neu zu ordnen und zusammenzulegen? Hat Gott uns für Evas und Adams Streben nach Emanzipation gestraft? Warum können sich die Puzzleteile (die Menschen in ihrer Wirklichkeit) nicht selbst zusammenfügen?
Das Problem ist: Sie können nicht fliegen! Deshalb können sie nicht von oben auf das Puzzle und auf sich selbst als Puzzleteile herabschauen. Somit können sie vielleicht gerade noch aus ihrer Perspektive die wenigen Teile der Wirklichkeit sehen, die zufällig gerade neben ihnen gelandet sind, als das Puzzle durcheinander kam. Aber es ist ihnen nicht zugänglich, nach welchem Muster die Teile zusammengehören. Und trotzdem haben wir, als Puzzleteile, immer wieder den Traum, dass wir doch zu einem großen gemeinsamen Puzzlespiel gehören müssten.
So kann man ganz vereinfacht die Gedanken von Kant zur „transzendentalen Dialektik“ zusammenfassen. „transzendental“ bedeutet soviel wie: „jeglicher Erfahrung vorausliegend, sie erst ermöglichend“. Nach Kant wird uns durch unsere Sinne das Material „Wirklichkeit“ zur Verfügung gestellt. Dieser Rohstoff wird durch den Verstand entsprechend der in ihm selbst liegenden Kategorien verknüpft (Kants 12 Kategorien der reinen Vertsandesbegriffe). Demnach bildet unser Verstand seine Begriffe und Urteile nicht, wie die Empiristen (bspw. Locke) sagen, anhand wirklicher Dinge und wirklicher kausaler Verknüpfungen, sondern umgekehrt: Wir stülpen unserer sinnlichen Erfahrung die Begriffe und Urteile unseres Verstandes über. Also erkennt der Mensch in den Naturwissenschaften bspw. nicht objektive Naturgesetze, sondern er ist selbst der Gesetzgeber der Natur. Der Verstand kann somit nicht zum Wesen der Dinge an sich vordringen, sondern bleibt ihrer Erscheinung verhaftet. Unser Wissen ist beschränkt auf die Dinge, die in Raum und Zeit unserer Erfahrung zugänglich sind.
Die menschliche Vernunft strebt nun danach, gewissermaßen als nächsthöhere Ebene über Sinneserfahrung und Verstand, die mannigfaltigen Begriffe und Urteile des Verstandes in einen höheren Zusammenhang, in eine Einheit, zu stellen. „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal…, daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“
Die Vernunft strebt also nach einer vollkommenen Einheit, nach einem Unbedingten, denn sie ist von drei Ideen geleitet: der Idee der Seele (das Streben nach innerer Einheit des denkenden Subjekts), der Idee der Welt (das Bestreben, die unendliche Vielfalt der bedingten Erscheinungen zu einer unbedingten Einheit zu verbinden) und der Idee Gottes (Einheit aller Gegenstände des Denkens durch ein höchstes Wesen). Diese drei Ideen sind logische und notwendige Denkmöglichkeiten. Sie sind die Konsequenz aus dem Gebrauch der reinen Vernunft, aber sie sind niemals einem empirischen Beweis durch Erfahrung zugänglich. So erfordet die Vernunft die Grundlage eines höheren Zusammenhangs und findet gleichzeitig dadurch ihre Grenze, denn die Ideen Seele, Welt und Gott können mit der Vernunft weder bewiesen noch wiederlegt werden.
Kant selbst sagt dazu: „Ich mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“. Vernunft kann den eigentlichen Zweck, dem sie sich selbst zur Verfügung stellt, nämlich dem Zweck eines einheitlichen Sinns aller Phänomene der Wirklichkeit, nur glauben.
Übersetzt im Puzzlebeispiel: Vernunft beinhaltet den Traum davon, dass alle und alles zu einem großen wunderschönen Puzzlespiel gehören, kann aber die Teile nicht dazu zusammenfügen. Warum nicht? Weil sie nicht beweisen kann, dass alles zu einem großen Puzzlespiel gehört. Denn das geht nur durch Vertrauen, durch Glauben: darauf, dass die Teile zueinanderpassen, dass sie zu einem gemeinsamen Puzzle gehören. Ohne diesen Glauben an die daraus folgende Fähigkeit zur Liebe bleibt unsere eigene Erkenntnis „Stückwerk“.
Wenn aber das Vollendete kommt,
vergeht alles Stückwerk. (…)
Gott selbst zusammen mit uns ist das zusammengefügte vollkommene Puzzle. Er selbst ist nicht ein Götzenbild, mit dem wir versuchen, unsere Lebenswirklichkeit zu erklären. Wenn er kommt und anfängt, in uns zu wirken, dann werden Erklärungsmuster und Götterbilder als das erkannt, was sie sind: Erklärungsansätze, Vorstellungen, auf die wir angewiesen sind, um im Alltag in Beziehungen zu Mitmenschen und zu Gott überleben zu können.