Hiob 6: „Ich (er-)kenne Gott“

12. Juni 2006

Hiob wehrt sich. Immer wieder fordert er die ganze Welt auf, doch als Bürgen und Zeugen für ihn einzutreten, seine Unschuld zu beweisen. Er klammert sich mit letzter Kraft an seine Freundschaft mit Gott.
Was ist die Basis für eine freundschaftliche Beziehung? Beiderseitige Kommunikation! Was ist die Grundlage der Möglichkeit von Kommunikation? Das Gegenüber genauso erkennen zu können, wie man selbst erkannt ist! Wenn ich Gott also nicht erkennen kann, sondern nur Gott mich erkennt, dann kann allenfalls eine One-Way-Kommunikation entstehen.

Hiob ist überzeugt davon, dass er von Gott erkannt ist und vor allem – im Gegensatz zu seinen Freuden – dass Gott sich ihm, als Freund zu erkennen gibt. Wenn da noch Sünde in seinem Leben wäre, dann würde Gott ihm das schon mitteilen. Er traut Gott zu, dass er sich ihm in nachvollziehbarer Art und Weise zu erkennen gibt. Er ist überzeugt davon, dass der Gott, der souverän und für uns unberechenbar ist, sich für ihn verbindlich einschätzbar und kontrollierbar macht.

Hiob hat die Sehnsucht Gottes nach einer Beziehung mit uns verstanden, er ist am Herzschlag Gottes dran und weiß, dass Gott uns in seine Augen schauen lassen will und in unsere Augen schauen…Er glaubt nicht der Lüge Satans, die Gott und Menschen durch Herrschaft trennen will. Hiob redet trotz seines Leides als einziger immer wieder mit Gott!

Hiob 5 : Die 3 Freunde: „Gottes Handeln ist unserem Wissen unbegreiflich“ (Hiob 11,6)

11. Juni 2006

Hiobs Freunde betonen immer wieder die Souveränität Gottes. Er ist mit unserer menschlichen Vernunft nicht erkennbar und lässt sich nicht erkennen. Demnach ist es egal, ob Hiob ein eigenes Rechts- und Unrechtsempfinden hat…das spielt keine Rolle, denn wir können nicht mit unserem eigenen Herzen und unserer Vernunft ein Urteil darüber fällen, ob wir unschuldig sind oder nicht.

Die generelle Konsequenz: Wir können unsere menschlichen Erkenntniskategorien nicht auf Gott übertragen, Gott niemals vor den Gerichtshof unserer menschlichen Erkenntnis ziehen! Vielmehr hält Gott sich fern von uns, macht sich uns nicht verständlich. Zu Gott ist nur eingeschränkte Kommunikation und damit auch nur eine Beziehung möglich, die durch Gottes Herrschaft und meine Unterordnung geprägt ist.

Erstaunlicherweise bleiben sich Hiobs Freunde in ihrer Argumentationslinie noch nicht einmal selber treu… sie lassen nämlich den nackten nicht vollends durch unsere Vernunft erklärbaren Gott gar nicht als solchen wirken und stehen, sondern geben unbewusst ihrem eigenen ganz menschlichen Bedürfnis nach einer Erklärung der Wirklichkeit nach. Sie wählen nämlich angesichts ihrer eigenen Ohnmacht, Hiobs Leiden zu verstehen, nun einen letzten und unwiderlegbaren Erklärungsansatz: Immer wieder appellieren sie „Da muss noch Schuld in deinem Leben sein.“ Sie haben ein Gottesbild, dass durch Herrschaft geprägt ist und werden dadurch selbst zu Herrschenden. Sie sehen Gott als willkürlichen Richter und richten dadurch selbst.

Seine Freunde weisen ansatzweise Parallelen zum Gottesbild Satans auf. Satan verneinte Gottes Liebe als sinnlos und unvernünftig, als blanken Wahnsinn, weil selbst Hiob doch nur aus egoistischen Motiven Gott treu bleibt. Ich frage mich, ob die drei Freunde nicht im tieferen Sinne Gott dasselbe unterstellen: Wenn die Menschen Sünder sind, dann kann er sich nicht in einer herrschaftsfreien wirklichen Liebesbeziehung zu ihnen verhalten. Sie haben der Verneinung der Liebe durch den Teufel im tiefsten Inneren schon zu glauben begonnen und folgen demselben Grundmotiv: die Liebesunfähigkeit der Menschen und die Begrenztheit der menschlichen Vernunft durch Herrschaft zu kompensieren.

Sie werden selbst zu Flüsterern der Lüge, indem sie Hiob fast das letzte und einzige nehmen, was er wirklich hat, nämlich das Vertrauen in Gottes Beziehung zu ihm… warum? Weil sie nicht glauben können, dass Gott sich uns kontrollierbar und verständlich macht, dass er eine Beziehung mit uns will, dass er verstanden werden will, mit uns reden will, in unsere Augen schauen will.

Hiob 4 – Die Frage nach der Erkenntnis Gottes

10. Juni 2006


…aber schlägt Hiob mit seiner Überzeugung von der eigenen Unschuld nicht ein bißchen über die Stränge? Wie kann Hiob von sich behaupten, dass er unschuldig ist. Wie kann er sich erdreisten, zu beurteilen, wie Gott ihn sieht. Wie kann Hiob nur so stolz sein, dass er meint zu wissen, nach welchen Maßstäben Gott richtet. Woher nimmt er die Sicherheit, dass er Gottes Freund ist, dass Gott ihn gut findet. Woher will er wissen, ob Gott nicht noch irgendeine kleine Sünde über ihn in irgendeinem akribisch und genau geführten Sündenregister im Himmel stehen hat, die Hiob selbst vielleicht noch nicht mal absichtlich getan hat? Haben seine Freunde nicht Recht, wenn sie seinen Stolz verurteilen?

Hiob verweist auf die Grundfrage: Wie können wir Gott erkennen? Macht er sich uns erkenntlich? Offenbart Gott die Art, wie er uns sieht? Können wir mit unserem Rechts- und Unrechtsempfinden, dass ja auf unserer Erkenntnis Gottes beruht, beurteilen, wie Gott uns beispielsweise sieht?

Hiob 3 – Gewissheit der Erlösung

9. Juni 2006


Hiob setzt der falschen scheinheiligen Demut eine tiefe echte Demut entgegen, nämlich die Beziehung zu Gott und das Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit – jenseits vom Richten der Menschen. „Weshalb siehst du mich nicht mehr freundlich an und tust, als wäre ich dein Feind geworden?“(Hiob 14,24). Er klammert sich mit aller Kraft, die er noch hat, an diese Liebesbeziehung. Er ist der Einzige, der in diesem langen Zwiegespräch mit den Freunden persönlich mit Gott redet. Er träumt von einem engen Zusammensein mit Gott: „Du würdest rufen, ich dir Antwort geben. Du würdest wieder Freude an mir haben. (…) Du würdest alle meine Schritte zählen, doch keine Liste meiner Sünden führen.“ Hiob liebt Gott!

Mich wundert, wie überzeugt Hiob daran festhält, dass er unschuldig ist. Es ist, als würde er die ganze Zeit, wie ein Verrückter gegen die Schuldzuweisungen der Welt schreien „Ich bin unschuldig“ „Ich bin erlöst“ „Ich bin Gottes Freund“…obwohl er nichts mehr weiß und alles hinterfragt, schon fast durchdreht vor Leid, hält er sich nur an einem fest: an Gott - daran, dass er Gott kennt und von ihm geliebt und errettet ist.

Wenn diese Gewissheit fest in uns verankert ist, dann fällt alles, wo wir uns durch Religiosität, Autorität oder Gesetzlichkeit zum Anwalt Gottes erheben von uns ab, wie eine überflüssige Hülle, weil wir nur durch Jesus gerechtfertigt sind.

Hiob 2 - Die Unerklärbarkeit des Leides

8. Juni 2006

Hiob - depressiv bis hin zu ständigen Suizidgedanken, anklagend und zudem noch schwer von seiner körperlichen Krankheit und Geschwüren gezeichnet – sucht nach einer Erklärung seines Leides. Warum ging es ihm, „der Gott ernst nahm“ (Hiob 1,1), so schlecht? Warum geht es uns oft nicht gut, wenn wir versuchen, Gott so gut es geht nachzufolgen? Warum greift Gott nicht ein und verschafft denen, die versuchen, gerecht zu handeln, Recht?…getreu nach dem Motto: „Wie glücklich ist der Mensch, der Freude findet an den Weisungen des Herrn (…) Er gleicht einem Baum, der am Wasser steht. (…) Was immer ein solcher Mensch unternimmt, es gelingt ihm gut“ (Psalm 1, 2 und 3).

Die drei „Freunde“ Hiobs führen alle möglichen religiösen Erklärungsmuster ins Feld, um Hiobs Leiden zu rechtfertigen. „Du untergräbst das Fundament des Glaubens, machst frommes Leben ganz und gar unmöglich! Es ist die Schuld, die dich so reden lässt, auch wenn du sie mit schlauen Worten leugnest!“ (Hiob 15,4 und 5).

Hiob wendet sich gegen die fromme verkürzte Ethik seiner „Freunde“, die Leid als Folge von persönlicher Schuld definieren. Er verteidigt sich gegen ihre Rationalisierungsversuche eines Leides, das für ihn einfach nun mal nicht zu verstehen ist. Er kämpft mit der Wut eines Stieres an gegen ihre falsche Demut - eine Demut, die schnell zur Lüge wird, wenn sie versucht, Unbegreifliches wegzuerklären, Widersprüche zuzudecken: „Ihr selbst seid ratlos, deckt es zu mit Lügen; Kurpfuscher seid ihr, die nicht heilen können. (…) Tut ihr´s für Gott, wenn ihr so schamlos lügt? (…) Warum ergreift ihr denn Partei für ihn? Müsst ihr ihn etwa vor Gericht vertreten?“ (Hiob 13, 4-8)

Irgendjemand hat mal gesagt: „Die Christen sind die einzige Armee auf der Welt, die auf ihre Verwundeten schießen, wenn sie schon am Boden liegen.“…Selbstgerechtigkeit und Gesetzlichkeit…wir schließen die, die schon innerlich krank sind, noch sozial aus und töten sie damit geistlich… Wie oft versuchen wir selbst, unser Unvermögen angesichts der widersprüchlichen Wirklichkeit mit Standardantworten zu kompensieren und das Unerklärliche im Wort Gottes moralisch glatt zubügeln, weil wir es sonst nicht aushalten können?

Hiob: christlicher Nutzenmaximierer?

7. Juni 2006

Gerade lese ich seit langem mal wieder Hiob. Hiob zeigt, was Beziehung zu Gott wesentlich ausmacht: Ganz am Anfang freut sich Gott über Hiob. Er ist mit ihm befreundet, und steht zu ihm in einer Beziehung. Hiob wird beschrieben als „Vorbild an Rechtschaffenheit“ und jemand, der „Gott ernst nimmt“ und sich „von allem Bösen fernhält“(Hiob 1,1).

Doch Satan, der „Geist der stets verneint“ (Goethe, Faust 1), negiert diese Liebesbeziehung zwischen Gott und Hiob. Er klagt Hiob an, als „christlichen Nutzenmaximierer“: „Würde er dir gehorchen, wenn es sich für ihn nicht lohnte?“ (Hiob 1,9). Gott läßt zu, dass Satan prüft, ob die Liebe Hiobs zu Gott echt ist, unabhängig davon, ob es Hiob gut oder schlecht geht. Er will, dass alle Welt (die sichtbare und die geistliche) erkennt, dass Gott geliebt wird und dass Gott Hiob liebt. Fest steht schon mal, dass Gottes Vorbild von einer Liebesbeziehung nicht durch den individuellen Vorteil, den man aus einer Beziehung ziehen kann, geprägt ist, sondern durch Hingabe.

Was stellt sich am Ende heraus? Wer gewinnt die Wette? Satan, der eigentlich nur eines im Sinn hat: Gottes Liebe für Schwachsinn, für unvernünftigen Wahnsinn zu erklären? Der, der damit eigentlich die ganze Schöpfung des Menschen, die ganze Sehnsucht Gottes nach einem Gegenüber, verhöhnen will? Ist Gottes Liebe zu den Menschen angesichts der Sünde, die wir seit Jahrtausenden ausüben nicht als blanker Unsinn wiederlegt? „Sieh hin, du liebender Gott. Deine Kreaturen wollen deine Liebe nicht, sie wenden sich permanent von dir ab. Selbst die, die vorgeben, eine Beziehung zu dir zu haben, sind nur fromme Nutzenmaximierer. Deine Liebe lohnt sich nicht, Gott.“ … flüstert Satan.

Die Wahrheit beginnt zu zweit

25. Mai 2006

Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch erkennen,
…so wie ich auch
durch und durch erkannt worden bin.

Jesu Botschaft vom Kreuz war schon damals den Juden, wie den Griechen „eine Torheit“ . Genau das ist es, was mich an Jesus berührt, dass er keine elitäre neue Wissenschaftstheorie aufgestellt hat, weil er schon immer die Grenzen der Vernunft (Kant) erkannt hatte, die ich oben schon beschrieben habe. Er hatte erkannt, dass menschliche Vernunft allein nicht zu Liebe und Solidarität führt, sondern dass Erkenntnis ohne die Voraussetzung des Glaubens tot ist. Deshalb tat er etwas, was für alle, für religiöse Moralapostel wie für aufklärerische Gelehrte das Lächerlichste und Dümmste überhaupt sein konnte.
Er tat etwas, was vernünftig allein keinen Sinn ergibt, weil es vollkommene HINGABE, LIEBE ist. Er starb am Kreuz und machte sich selbst zum Narren für alle. Er erkannte und erkennt uns mit unserem Hunger nach Liebe und Einheit und tat das einzige, was wirklich diesen Hunger stillen konnte, indem er die Verbindung zum Ursprung der Liebe wieder möglich machte… ähnlich wie in dem Gedicht von Erich Fried über die Liebe…“Es ist Wahnsinn, sagt die Vernunft…es ist, was es ist, sagt die Liebe“.

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
Doch am größten unter ihnen ist die Liebe.
1. Kor.13,9-13

Gotteserkenntnis ist nach Kant nicht durch Wissen möglich, sondern zeigt sich im Handeln. Die Bibel beinhaltet keine Aufforderung zu metaphysisch begründeter Irrationalität, sondern dazu, innerhalb der Begrenzung unserer Erkenntnis, bestmöglich, also so liebevoll wie möglich zu handeln. Liebe in diesem Sinne umfasst Geduld, Güte, Uneigennützigkeit, Gerechtigkeit, Sanfmütigkeit, Vertauen und Hoffnung (1.Kor.13) und somit vor allem auch Suche nach der Wahrheit im Interesse einer Welt, in der Menschen solidarisch und nicht in Konkurrenz miteinander leben, lieben und kämpfen können.

…jetzt schauen wir in einen Spiegel

24. Mai 2006

Jetzt schauen wir in einen Spiegel
Und sehen nur rätselhafte Umrisse,

Jetzt erkennen wir, wie Niklas Luhmann es ausdrückt, auf selbstreferentielle Art und Weise. Wir erkennen nur das, was der inneren Strukturiertheit unseres psychischen Systems (unseres Teiles vom Puzzle) entspricht. Wir sehen nur das, was zu unseren Erkenntniskategorien passt… halten eigentlich Nabelschau. Wir sind gefangen in dem, was Kant die praktische Vernunft nannte…die Vernunft, die uns im täglichen Leben hilft, die Wirklichkeit zu ordnen und irgendwie zu handeln.
Wir sind abgeschnitten von Erkenntnisgewinnung als Prozess einer Beziehung (als intersubjektiven Prozess)…zu Gott und zu unseren Mitmenschen. Im Gegenteil: wir betreiben Erkenntnis als Abgrenzung und zerstören permanent selbst individuell und gesamtgesellschaftlich die Möglichkeit der Solidarität und Liebe als Grundlage jeder Wahrheitssuche.

dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.

Karl Jaspers hat mal gesagt: „Die Wahrheit beginnt zu zweit.“ Die Wahrheit beginnt, indem wir in Gottes Augen und Gottes Herz schauen dürfen - wir sehen „von Angesicht zu Angesicht“. Gott heilt uns von der Urangst des Menschen, von dem Mißtrauen, dass uns dahin treibt, Erkenntnis als Gegensatz zur Liebe, nämlich in Konkurrenz gegeneinander, gegen die Natur und gegen Gott zu suchen.

Die Erkenntnis eines Gegenübers, das selbst auch ein erkennendes Subjekt ist, setzt jedoch eine herrschaftsfreie Beziehung zwischen diesen sich gegenseitig erkennenden Subjekten voraus. Demnach: wenn jemand in seinem Denken die Möglichkeit eines liebenden Gottes im wahrhaft aufgeklärten Sinn miteinschließen will, dann wird er (sie) ihn nicht objektivierend und beherrschend aus der eingeschränkten Perspektive seiner Erkenntnisskategorien erkennen. Vielmehr muss er/sie bereit sein, auch die Filter und Kategorien seiner Wahrnehmung dem zu Erkennenden (Gott) anzupassen. Für den Fall, dass Gott nicht tot wäre, würde das sogar bedeuten, sich auf einen Dialog mit diesem lebendigen Gott einzulassen.

Im „schauen von Angesicht zu Angesicht“ erkennt Gott uns und läßt sich von uns erkennen. Gott läßt sich von uns erkennen, indem er sich auf unsere Erkenntniskategorien einläßt. Er will von uns erkannt werden, weil er uns als Gegenüber für sich selbst geschaffen hat - als von ihm unanbhängige Individuen mit einem freien Willen. Gott macht sich für uns erkennbar, indem er uns einen „herrschaftsfreien Diskurs“(Habermas) mit sich selbst anbietet.

Liebe und Erkenntnis (1.Kor.13)

23. Mai 2006

Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
Stückwerk unser prophetisches Reden;
Wenn aber das Vollendete kommt,
vergeht alles Stückwerk. (…)
Jetzt schauen wir in einen Spiegel
Und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch erkennen,
so wie ich auch
durch und durch erkannt worden bin.
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
Doch am größten unter ihnen ist die Liebe.
(1. Kor.13,9-13)

Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
Stückwerk unser prophetisches Reden;

Unsere Erkenntnis ist wie ein Puzzle, bei dem durch den Sündenfall die Teile durcheinandergekommen sind. Warum? Wollten Eva und Adam, als sie die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen, nicht gerade selbst (unabhängig von Gott) in der Lage sein, das Puzzle neu zu ordnen und zusammenzulegen? Hat Gott uns für Evas und Adams Streben nach Emanzipation gestraft? Warum können sich die Puzzleteile (die Menschen in ihrer Wirklichkeit) nicht selbst zusammenfügen?
Das Problem ist: Sie können nicht fliegen! Deshalb können sie nicht von oben auf das Puzzle und auf sich selbst als Puzzleteile herabschauen. Somit können sie vielleicht gerade noch aus ihrer Perspektive die wenigen Teile der Wirklichkeit sehen, die zufällig gerade neben ihnen gelandet sind, als das Puzzle durcheinander kam. Aber es ist ihnen nicht zugänglich, nach welchem Muster die Teile zusammengehören. Und trotzdem haben wir, als Puzzleteile, immer wieder den Traum, dass wir doch zu einem großen gemeinsamen Puzzlespiel gehören müssten.

So kann man ganz vereinfacht die Gedanken von Kant zur „transzendentalen Dialektik“ zusammenfassen. „transzendental“ bedeutet soviel wie: „jeglicher Erfahrung vorausliegend, sie erst ermöglichend“. Nach Kant wird uns durch unsere Sinne das Material „Wirklichkeit“ zur Verfügung gestellt. Dieser Rohstoff wird durch den Verstand entsprechend der in ihm selbst liegenden Kategorien verknüpft (Kants 12 Kategorien der reinen Vertsandesbegriffe). Demnach bildet unser Verstand seine Begriffe und Urteile nicht, wie die Empiristen (bspw. Locke) sagen, anhand wirklicher Dinge und wirklicher kausaler Verknüpfungen, sondern umgekehrt: Wir stülpen unserer sinnlichen Erfahrung die Begriffe und Urteile unseres Verstandes über. Also erkennt der Mensch in den Naturwissenschaften bspw. nicht objektive Naturgesetze, sondern er ist selbst der Gesetzgeber der Natur. Der Verstand kann somit nicht zum Wesen der Dinge an sich vordringen, sondern bleibt ihrer Erscheinung verhaftet. Unser Wissen ist beschränkt auf die Dinge, die in Raum und Zeit unserer Erfahrung zugänglich sind.
Die menschliche Vernunft strebt nun danach, gewissermaßen als nächsthöhere Ebene über Sinneserfahrung und Verstand, die mannigfaltigen Begriffe und Urteile des Verstandes in einen höheren Zusammenhang, in eine Einheit, zu stellen. „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal…, daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“
Die Vernunft strebt also nach einer vollkommenen Einheit, nach einem Unbedingten, denn sie ist von drei Ideen geleitet: der Idee der Seele (das Streben nach innerer Einheit des denkenden Subjekts), der Idee der Welt (das Bestreben, die unendliche Vielfalt der bedingten Erscheinungen zu einer unbedingten Einheit zu verbinden) und der Idee Gottes (Einheit aller Gegenstände des Denkens durch ein höchstes Wesen). Diese drei Ideen sind logische und notwendige Denkmöglichkeiten. Sie sind die Konsequenz aus dem Gebrauch der reinen Vernunft, aber sie sind niemals einem empirischen Beweis durch Erfahrung zugänglich. So erfordet die Vernunft die Grundlage eines höheren Zusammenhangs und findet gleichzeitig dadurch ihre Grenze, denn die Ideen Seele, Welt und Gott können mit der Vernunft weder bewiesen noch wiederlegt werden.
Kant selbst sagt dazu: „Ich mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“. Vernunft kann den eigentlichen Zweck, dem sie sich selbst zur Verfügung stellt, nämlich dem Zweck eines einheitlichen Sinns aller Phänomene der Wirklichkeit, nur glauben.

Übersetzt im Puzzlebeispiel: Vernunft beinhaltet den Traum davon, dass alle und alles zu einem großen wunderschönen Puzzlespiel gehören, kann aber die Teile nicht dazu zusammenfügen. Warum nicht? Weil sie nicht beweisen kann, dass alles zu einem großen Puzzlespiel gehört. Denn das geht nur durch Vertrauen, durch Glauben: darauf, dass die Teile zueinanderpassen, dass sie zu einem gemeinsamen Puzzle gehören. Ohne diesen Glauben an die daraus folgende Fähigkeit zur Liebe bleibt unsere eigene Erkenntnis „Stückwerk“.

Wenn aber das Vollendete kommt,
vergeht alles Stückwerk. (…)

Gott selbst zusammen mit uns ist das zusammengefügte vollkommene Puzzle. Er selbst ist nicht ein Götzenbild, mit dem wir versuchen, unsere Lebenswirklichkeit zu erklären. Wenn er kommt und anfängt, in uns zu wirken, dann werden Erklärungsmuster und Götterbilder als das erkannt, was sie sind: Erklärungsansätze, Vorstellungen, auf die wir angewiesen sind, um im Alltag in Beziehungen zu Mitmenschen und zu Gott überleben zu können.

“Gott ist tot!” und die geistliche Heimatlosigkeit des modernen Menschen

20. Mai 2006

Nietzsches “Gott ist tot!” als Ausdruck einer verzweifelten Suche nach Gott?
In dem Aphorismus “Der tolle Mensch” veranschaulicht Nietzsche die Ursache der geistlichen Heimatlosigkeit der Menschen: die Trennung der Vernunft von ihrem Glaubensfundament, mit anderen Worten: die Tötung Gottes in einer Aufklärung, die den Glauben an einen letzten Erklärungsgrund per se ablehnt.

“Der tolle Mensch” veranschaulicht die Konsequenzen dieser Tötung Gottes durch die Menschen. Er, der schon am Vormittag eine Laterne anzündet, weil er die Nacht schon ahnt, in der sich die menschliche Zivilisation nach dem Tode Gottes wiederfindet, spricht:

Wie haben wir das gemacht (Gott getötet A.R.)? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzten wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – Auch Götter verwesen! Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?…

Nietzsche hat in der Epoche der Aufklärung als einer der ersten geahnt, dass es nicht in Emanzipation und Freiheit führt, wenn die Menschen versuchen, die Basis ihrer Vernunft selbst zu zerstören, nämlich den Glauben an eine Realität, die uns die Werkzeuge und Kategorien unseres Denkens erst ermöglicht.
Wenn alles Gute und Vernünftige nicht mehr auf einen Gott zurückzuführen ist, dann muss es etwas Zufälliges, etwas aus Materie Entstandenes sein. Die Konsequenz ist, wie in der Darwinschen Evolutionstheorie, dass der Mensch ein durch natürliche Selektion entstandenes Wesen, ein Wolf unter Wölfen ist. Die menschliche Entwicklung folgt diesem sozialdarwinistichen Schema: d.h. nur das ist entwicklungs- und evolutionsbiologisch sinnvoll, was zur Durchsetzung der menschlichen Art in Konkurrenz zu allen anderen Arten beiträgt. Der sog. freie Wille ist in Wirklichkeit nicht mehr als ein Spielball undurchschaubarer (Über-)Lebensimpulse. Das Denken ist nicht mehr Instanz der Wahrheitsfindung, sondern folgt einzig einem Überlebenstrieb.

Die Kritische Theorie der Frankfurther Schule hat u.a.. in der „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer, Adorno) auf die Folgen einer absolute Negation des Glaubens durch die Aufklärung hingewiesen. Vernunft, die nach Befreiung sucht, indem sie auch den letzten rational nicht beherrschbaren Grund der Erkenntnis elimiert, ist demnach nichts anderes, als eine andere Art der Herrschaft.
Umgekehrt führt Glaube, der aus Angst vor dem Verlust der eigenen Wahrheit, also Glaube, der meint, eine Wahrheit BESITZEN zu können, die man ihm durch Zweifel, Hinterfragen, Aufklärung stehlen kann, zu nichts anderem, als Barbarei, Unterdrückung und Tot.
… soviel mal laut gedacht…klingt zwar sehr theoretisch, aber hat weitgehende Konsequenzen für das, wie wir Glauben leben…ob defensiv und dogmatisch oder ob wir Gedanken leben, die wirklich Salz und Licht in der Welt - wirklich neue Gedanken sind.