Leiterschaft

12. Mai 2006

Angesichts aktueller Leiterschafts- und Aposteldiskussionen: hier mal eine Beschreibung und ein Erklärungsversuch des Phänomens der immer stärkeren Trennung zwischen Leitern und Gemeinde - aus teilweise trauriger Erfahrung beider Perspektiven: sowohl der des unverstandenen “Geleiteten” als auch der des Leiters, der alles gibt, und verzweifelt, weil er meint, dass er der einzige ist, der “durchzieht” mit Jesus.

Ich beschreib´das Phänomen mal hier: Da ist ein Leiter, der alles für Jesus und die Gemeinde geben will und gibt. Der meint irgendwann zu merken (was oft ja auch stimmen kann!), dass seine Gemeinde nicht Jesus-hingegeben lebt. Was ist seine Aufgabe als Leiter? Er muss Vorbild sein, er ist der Hirte, der ermahnt, zurechtweist, usw. Was macht er also?
Er wird versuchen, seine Gemeinde hin zu Jesus zu führen. Er nimmt die Gemeinde ins Schlepptau. Er fühlt sich als Fahrer eines Busses, der den Bus (also die Gemeinde) steuern muss, damit der am Ende auch im Himmel ankommt. Und hier beginnt dann der Teufelskreis voll zu wirken: weiter…

Gottes Auftrag für seine Gemeinde

3. Mai 2006

Die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt, lautet: Wir sollen einander lieben. (…) Christus gab sein Leben für uns hin; daran haben wir erkannt, was Liebe ist.“(1.Joh.3, 11.16)

Gottes Auftrag für seine Gemeinde auf dieser Welt ist es, die Liebe, die radikale Hingabe, die er durch Jesus gezeigt hat, zu verkörpern. Diese Liebe lässt sich nicht nur durch religiöse Moral, durch Theorie oder ein Verweisen auf ein besseres Jenseits umsetzen. Im Gegenteil: sie glaubt alles, hofft alles, gibt alles (1.Kor.13)…sie verschwendet sich und hört niemals auf. Diese Liebe hat keine Grenzen. Und damit ist sie der radikalste Störfaktor dieser Welt. Sie ist der krasseste Gegensatz zum Leben aus der Existenzangst der kapitalistischen Systeme, denn sie gibt sich selber hin, ohne nach dem individuellen Nutzen zu fragen. Für sie ist geben noch nicht mal eine moralische Doktrin, sondern pure Freude.

Diese Liebe beinhaltet ein völlig anderes Menschenbild, als das des homo oeconomicus (des egoistischen und nutzenmaximierenden Individuums): sie sieht die Menschen nicht als Wölfe unter Wölfen, die in Konkurrenz zueinander stehen, sondern als individuelle Träume Gottes, geschaffen um zusammen Gottes großen Traum der Beziehung zu uns zu verwirklichen.

Diese Liebe als Gegensatz zur Grundstruktur der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist aber auch die Basis und gleichzeitig die noch fehlende Vollendung emanzipatorischer und aufklärerischer Bestrebungen. Emanzipation, die auf solch einer Liebe Gottes basiert, weiß sich nicht mehr durch Glauben bedroht. Sie begreift vielmehr, dass der Glaube an etwas, das nicht vollkommen durch unsere Erkenntniskategorien erklärbar und beherrschbar ist, keine Fremdbestimmung sein muss. Im Gegenteil: Sie erkennt freiwillige Hingabe im Glauben und Liebe als die Grundlage des Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Diese Liebe, als Auftrag Gottes für sein Volk schlägt sich nicht nieder in moralischer Reinheit und Doktrin, nicht in neuen Denkgebäuden oder der richtigen Lehre, denn auch das wäre wieder nur ein Herrschen oder der Versuch etwas zu kontrollieren. Diese Liebe ist gerade dadurch, dass sie alle Kontrollansprüche aufgibt, der Sand im Getriebe dieser Welt.

Darüber hinaus zeigt sie sich in der Befreiung von Angst, von Existenzangst, von der Angst der Menschen voreinander - also in bedingungsloser Solidarität, in Gerechtigkeit und radikaler Weltzugewandheit, in der Liebe zum Leben …im Alltag. Gottes Auftrag für seinen Leib ist es, in den Widersprüchen des Alltages und dem Leiden der ganzen Schöpfung zu lieben. Das ist unglaublich schwer und paradox. Das konfrontiert einen mit der Unmöglichkeit, Liebe in einer Welt zu leben, die durch Angst und Egoismus geprägt ist. Das kann sich leider deshalb manchmal nur in einem befreienden Nein zu Lüge und Konkurrenz zeigen.

Und trotzdem hat Gott uns keinen geringeren Auftrag, als diesen gegeben. So verweist die theoretische Erkenntnis, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, uns nur auf eines…auf das Handeln, auf Christ-Sein als Alltagsarbeit, als ein Sich-Mühen an dieser Welt und an den Menschen, die darin am wenigsten eine Stimme haben, als leises subversives Liebesunterwandern, als Hingehen und Hinsehen mit der kleinen Kraft die wir haben, im Vertrauen darauf, dass diese kleine Kraft durch die unerschöpfliche Kraft von Gottes Liebe in dieser Welt ergänzt wird und dass Gott uns mit dieser Liebe füllt.